Pierre Omer bringt liebenswürdige Morbidität in den Swing


Pierre Omer’s Swing Revue – Swing Cremona

Das schweizer Kult-Label für “Blues-Trash”, Voodoo Rhythm Records springt auf den Swing-Zug! Morbider Hokuspokus im Swing-Format: 100% tanzbar – wer hätte das gedacht! Swing Cremona – Verblüffende Eigenkompositionen und Klassiker von Irving Berlin, Duke Ellington und Charlie Shavers gegeigt in neuem Gewand.
 
Voodoo-Rhythm-typische Qualitätspressung auf schwerem Vinyl mit ausführlichen Liner Notes auf dem bedruckten Innencover und dem ganzen CD-Album als Bonus-Dreingabe. Ein haptisch wie akustisches Vergnügen für Vinyl-Hörer mit der Möglichkeit zum Rillen schonenden Nebenhören auf CD – da freut sich nicht nur das Sammlerherz.
 

Pierre Omer – Trauermarsch war gestern, Gipsy Swing ist heute!

Pierre Omer, zusammen mit Delaney Davidson bekannt als Mastermind der Dead Brothers, dem düster-liebenswürdigen Zugpferd des schweizer Labels Voodoo Rhythm Records, bewegt sich auf Swingpfaden. Die Dead Brothers sind dafür bekannt, als Trauermarschkapelle in den Schuhen von Tom Waits zu wandeln, ohne in seinen Fußstapfen zu stolpern. Die düstere und gleichermaßen liebenswerte Morbidität ihres Songwritings ist ihnen wie bei Kollegen Nick Cave und Tom Waits zur Lebensaufgabe geworden. Das schlägt sich auch in ihren Solo-Projekten nieder. Ungleich seinem Bandkomplizen Davidson zeichnet sich bei Pierre Omers Songwriting seit einigen Alben eine offene Affinität zum Gipsy-Swing ab, wie ihn einst Django Reinhard und Stéphane Grappelli mit ihrem Quintette du Hot Club de France in den 1930er Jahren bekannt machte.
 
Pierre Omer und seine Projekte waren noch nie dafür bekannt, den musikalischen Feingeist zu befriedigen. Das tut er auch heute nicht. Aber der Herr ist mit den Jahren sanfter und subtiler geworden. Einst hat uns schepperndes Blech von Trompete und Tuba den New-Orleans-Beerdigungsmarsch geblasen. Jetzt zupfen und streichen Saiteninstrumente zu stetig swingenden Rythmen und machen den Gelehrten des Hochschul-Jazz eine lange Nase. Das heißt noch lange nicht, dass dem Ganzen keine Musikalität zugrunde liegt. Das Stilmittel der musikalischen Satire bleibt auf subtile Weise versteckt das richtungweisende Element. Das gelingt so perfekt, dass sich sogar Jazzakademiker über weite Passagen täuschen lassen. Das Lebensmotto des Illusionisten und Film-Pioniers Georges Méliès kommt einem in den Sinn:
 

von “Trompe L’Oeil” – die Augentäuschung – zu Trompe L’Oreille – die Ohrentäuschung.

Für erklärte und studierte Jazzkenner demnach ein Vergnügen mit dem Reiz des Verbotenen. Aber kommen auch die anderen Jazzhörer auf ihre Kosten? Die, für die ein Ding ohne Swing keinen Sinn hat? – Eindeutig: Ja! – ganz besonders Balboa-Tänzer werden sich freuen, hören sie die überwiegend in Up-Tempo gehaltenen Gipsy-Rhythmen auf Swing Cremona. Die Kapelle bildet eine Einheit, die mit der Genauigkeit eines geölten Uhrwerks swingt. Das ist – neben dem skurrilen Songwriting der Eigenkompositionen – eine der großen Qualitäten des Albums. Cremona, die nach ihrem Herkunftsort in der Lombardei benannte Geigenbauart, geigt auf Swing Cremona am liebsten zum Tanz – und zwar, wie der Name es sagt, zum Swing-Tanz!
 
Was das Songwriting betrifft kommen die Fans der alten Stunde wie gewohnt auf ihre Kosten. Es besteht kein Zweifel, diese Band bewegt sich im gleichen Paralleluniversum wie die bereits dafür berüchtigten Dead Brothers. Die Band könnte einem umherziehenden Vaudeville-Zirkus entsprungen sein, der ein Land zwischen den Weltkriegen besucht, in dem Figuren aus Filmklassikern wie Federico Fellinis La Strada, Jean-Pierre Jeunets Delicatessen und Wes Andersons Grand Budapest Hotel zuhause sind. Omers Schreiben von Theatermusik für Schauspielhäuser in Zürich, Bern und Hannover und von Soundtracks für Produktionen in Spanien und der Schweiz macht sich bemerkbar. Wer sich gern mit den Tiger Lillies in tiefe Abgründe stürtzt wird sich freuen, mit Pierre Omer einen Blick hinterher zu werfen und dann beswingt darüber hinweg zu schweben.
 
Pierre Omer’s Swing Revue – Swing Cremona //Vinyl Album mit Bonus-CD, bedrucktes Innencover
Veröffentlichung auf Voodoo Rhythm Records (VRCD96/VR1296) vom 29.07.2016


About Christopher Rose

Erste selbstgekaufte Platte 1983 Herbie Hangock – “Rockit” 45-Single Sammelleidenschaft für Vinyl-Schallplatten seit 1986 Vintage Vinyl DJ seit 1997 1999 – 2009: Besitzer und Betreiber Club Lovelite (Berlin), tätig als Booker, Promoter, Designer Corporate Identity, Night Manager, DJ 2009 – 2014: Fünf Jahre auflegen/djing mit Schellack, bzw. 78-RPM-Platten für Salon Obskur und andere. Die Schellack Kollektion besteht aus 300 Platten für ein abendfüllendes Programm. Low Fidelity Swing. Seit 2015: zurück zum Vinyl! Besonderes Interesse für “New Vintage Swing” (wie Mark “Snowboy” Cotgrove es nennen würde), gespielt wie in der Ära der Schellackplatte, aufgenommen mit modernem Hifi-Equipment für die Veröffentlichung auf Vinyl-Schallplatten. High Fidelity Swing!

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